Aus der Urzeit der Boisheimer Sportbewegung

Es ist heute nicht mehr genau festzustellen, wann und in welchen Formen in Boisheim zum ersten Male Sport im modernen Sinne betrieben wurde. Die ältesten mündlichen Überlieferungen reichen in jene Zeit zurück, als sich überall im damaligen deutschen Kaiserreich Sport treibende junge Menschen in Vereinen zusammenschlossen, was noch jetzt unschwer an vielen Gründungsdaten (VfL Borussia 1900, Schalke 04, Hamborn 07 etc.) erkennbar ist.

Ecke Breyeller Straße (heute Nettetaler Straße) und Bahnstraße (heute Raiffeisen-straße) um die Jahrhundertwende. Die Brötsch-Kull mit dem ersten Boisheimer Sportplatz lag hinter dem letzten Haus auf der rechten Seite der Breyeller Straße

Ecke Breyeller Straße (heute Nettetaler Straße) und Bahnstraße (heute Raiffeisenstraße) um die Jahrhundertwende. Die Brötsch-Kull mit dem ersten Boisheimer Sportplatz lag hinter dem letzten Haus auf der rechten Seite der Breyeller Straße

Wie in vielen anderen Dörfern und Städten waren es auch in unserem Heimatort zuerst die Fußballer, die sich organisierten. Im Jahre 1912 entstand der FC Germania, der seinen Fußballplatz in der Brötsch-Kull neben der dortigen Flachsrösterei hatte (wohl rechts der heutigen Nettetaler Straße vor dem Bahnübergang). Wenig später gründeten andere Fußballer den Klub Olympia, der sein Sportgelände an der Brüggener Straße (gegenüber dem jetzigen Platz) hatte. Kurz danach schlossen sich beide Vereine unter dem Namen Olympia zusammen und man pachtete von der Kirchengemeinde St. Peter das jetzige Sportplatzgelände.

Wenn auch zu damaliger Zeit wohl schon ein reger Spielbetrieb herrschte, so wurden die Sportler doch immer wieder vor große Probleme gestellt, denn nicht selten geschah es, dass vor einem Spiel zunächst die Tore wieder aufgebaut werden mussten. Die Sportausrüstung war ebenfalls verhältnismäßig primitiv. Derbes, altes Schuhwerk und abgeschnittene Hosen waren keine Seltenheit. Das alles tat jedoch dem Enthusiasmus der Sportler keinen Abbruch. Es ist zwar nicht überliefert, ob in der Olympia auch andere Sportarten ausgeübt wurden, der Name allein ließe aber eine solche Vermutung durchaus zu.

Mit dem ersten Weltkrieg war das Ende der Olympia gekommen. Der Spielbetrieb kam zum Erliegen, doch die heimgekehrten Sportler organisierten sich gleich nach Kriegsende wieder neu – diesmal unter dem Namen Boisheimer Sportverein. Dieser schloss sich nach Gründung der DJK diesem katholischen Sportverband als DJK Rhenania an. Unter der langjährigen Führung von Josef Reinders entstanden auch eine Leichtathletik- und eine Turnabteilung. Federführend waren in den Zwanziger Jahren aber weiterhin die Fußballer, die sogar einmal das Endspiel um die Gaumeisterschaft erreichen konnten. Es entwickelte sich ein reger und freundlicher Sportverkehr mit Vereinen aus dem gesamten Rheinland und den benachbarten Niederlanden.

Restauration Platen (später Werker, heute Wohnhaus Stalz) auf der heutigen Raiffeisenstraße um die Jahrhundertwende

Restauration Platen (später Werker, heute Wohnhaus Stalz) auf der heutigen Raiffeisenstraße um die Jahrhundertwende

Die DJK Rhenania bot den Boisheimern neben den sportlichen Betätigungsmöglichkeiten auch gesellschaftliche Aktivitäten an, die ziemlich regelmäßig in den Sälen Werker (oben auf der Raiffeisenstraße) und Buscher (ehemals im Bereich des Hauses Nettetaler Straße 115) stattfanden. Wie für alle Bereiche des täglichen Lebens in Deutschland brachte das Jahr 1933 auch für den Sport grundlegende Veränderungen. Das reichsweite Verbot der DJK im Rahmen der „Gleichschaltung“ führte zwangsweise zur Auflösung der DJK Rhenania.

Die Gründung des TV Boisheim 1934

Nach dem Verbot der DJK und der damit verbundenen Auflösung der DJK Rhenania Boisheim suchten die führenden Köpfe der örtlichen Sportbewegung nach neuen Wegen, den Sportbetrieb unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen fortzusetzen. Dass nun ein anderer Wind wehte, bemerkte man auch in Boisheim, als man versuchte im Dorf einen neuen Sportverein zu gründen. Aus Krefeld kam ein Funktionär der Deutschen Turnerschaft, um den Sportlern die Notwendigkeit eines Boisheimer Gesamtvereins unter Führung der Turner zu verdeutlichen.

Karl Tomberg, Gründungsvorsitzender des TV Boisheim im Jahre 1935

Karl Tomberg, Gründungsvorsitzender des TV Boisheim im Jahre 1935

Dieser Herr Tölle aus Krefeld war dann auch der erste Redner auf der Gründungsversammlung des Turnvereins Boisheim 1934, die an einem Samstagabend im Saal Huppertz, vormals Buscher, stattfand. Der Herr aus Krefeld stellte den zahlreichen Anwesenden die Mitglieder des provisorischen Vorstandes vor. Vorsitzender war der junge Boisheimer Volksschullehrer Karl Tomberg, Kassierer und Schriftführer der Sparkassenangestellte Josef Clemens und als Leiter des Sportgeschehens fungierte vorerst Heinrich Kockelkoren als Oberturnwart. Wahlen hat es bei dieser ersten Versammlung wahrscheinlich nicht gegeben.

Die in der Satzung festgelegten Ziele und Aufgaben des neuen Vereins waren die körperliche Ertüchtigung der Mitglieder, ihre Beaufsichtigung und Anleitung bei körperlichen Übungen, ihre Erziehung zur sportlichen und kameradschaftlichen Gesinnung und die Pflege der Geselligkeit – Ideale die den nationalsozialistischen Machthabern gewiss nicht suspekt waren.

Trotzdem muss gesagt werden, dass hier für die Boisheimer Sportler lediglich eine Möglichkeit geschaffen wurde, ihren jeweiligen Sport weiter zu betreiben.

Nach der Gründungsversammlung ging man sogleich an die praktische Arbeit. Da der Sportplatz und alle Sportgeräte aus der DJK-Zeit noch Eigentum der Kirchengemeinde waren, suchte Herr Tomberg das Gespräch mit dem damaligen Pfarrer Brockmann. Dieser zeigte sich sehr kooperativ und stellte dem Turnverein die Turngeräte und sonstige Materialien zur Verfügung. Hierfür und für die Benutzung des Sportplatzes wurde eine Anerkennungsgebühr von 5,00 Mark monatlich vereinbart.

Der neue Mehrspartenverein fand auch schnell geeignete Abteilungsleiter. Für den aufstrebenden Handballsport stellte sich Fritz Holthausen zur Verfügung, Herr Strucken betreute die Leichtathleten und ein Herr Ommler (oder Oemmelen?) leitete die Fußballabteilung. Geturnt wurde unter Anleitung von Heinrich Kockelkoren im Saal Hupertz.

Turnen und Leichtathletik sollten auch die Grundlagen zur Ausübung der Mannschaftssportarten schaffen, zu denen im Turnverein auch schon früh das Faustballspiel gehörte. Außerdem gab es im Verein – dem Zeitgeist entsprechend – ein Trommlercorps.

Im Jahre 1935 wurde Karl Tomberg in eine andere Gemeinde versetzt. Ein Herr Evers von der Nette folgte ihm im Amt, um jedoch wenig später wieder von einem neuen Boisheimer Lehrer, Herr van Beeck, abgelöst zu werden.Letzterer wurde ebenfalls nach kurzer Zeit versetzt und Leo Mertens trat dessen Nachfolge an. Trotz des häufigen Wechsels an der Spitze des Turnvereins wurde an der Basis bis zum Beginn des 2. Weltkrieges eine kontinuierliche Arbeit geleistet.

1. Handballmannschaft 1936 von links: Hans Wefers, Heinrich Kockelkoren, Josef Strucken, Gerhard Vossen, Willy Wiemes, Josef Nehlen, Leo Klinkhamels, Willy Klaßen, Johann Geerlings, Fritz Holthausen, Rudolf Janz

1. Handballmannschaft 1936 von links: Hans Wefers, Heinrich Kockelkoren, Josef Strucken, Gerhard Vossen, Willy Wiemes, Josef Nehlen, Leo Klinkhamels, Willy Klaßen, Johann Geerlings, Fritz Holthausen, Rudolf Janz

Im Jahre 1936 pachteten die Turner eine kleine Fabrikhalle und richteten sie für den Turnbetrieb her. Sie befand sich an der früheren Ecke Dülkener und Brüggener Straße (später Landmaschinenwerkstatt Terporten; im Rahmen der Straßenveränderung wurde der Gebäudekomplex in den sechziger Jahren abgerissen). Der stetige Aufschwung des Turnvereins wurde jedoch zu Beginn des 2. Weltkrieges jäh unterbrochen.

Am 21. Mai 1936 treffen sich die Boisheimer Turner zur traditionellen “Goetz-Wanderung” auf den Hinsbecker Höhen!

Am 21. Mai 1936 treffen sich die Boisheimer Turner zur traditionellen “Goetz-Wanderung” auf den Hinsbecker Höhen!

Zwischenspiel: Ein einziger Verein in Boisheim… oder wie man’s nicht machen sollte

 

 

 

 

 

 

Immer wieder hat es in Boisheim versuche gegeben, einen Gesamtverein zu schaffen. Von 1934 bis 1950 war dies der Turnverein gewesen. Dann waren die Fußballer ausgeschieden und hatten die Sportgemeinschaft (SG) gegründet. Nach der Einstellung des Handballspielbetriebes Ende der fünfziger Jahre lag der Turnverein ziemlich danieder. Die Fußballer hingegen besaßen zu jener Zeit zwei gute Seniorenteams und bei ihnen funktionierte die Jugendarbeit.

Somit waren die Turner in einer denkbar ungünstigen Position, als sich die beiden Vereine am 8.11.1958 zum „Turn- und Sportverein 1912“ zusammenschlossen. Vorsitzender wurde Willy Viethen, sein Stellvertreter wurde der ehemalige Vorsitzende des Turnvereins Engelbert Mevissen. Für die Mitglieder des ehemaligen Turnvereins begann eine dunkle Zeit. Es gab keine Handballer mehr und der Übungsbetrieb der Turner war auch nur mühsam aufrecht zu erhalten. Es wurde wenig geturnt, aber umso mehr intrigiert. 1961 wurden dem Rheinischen Turnerbund nur noch 21 Aktive gemeldet.

Die Unzufriedenheit der Turner wuchs. Immer wieder wurde moniert, dass die vom Turnverein in Stand gesetzte Turnhalle an der Dülkener Straße durch die Fußballer, die dort in den Wintermonaten „mit Lederbällen und Fußballschuhen“ trainierten, langsam „abgebrochen“ würde.

Der Streit eskalierte und es wurde eine Art Dorftheater mit allen Zutaten einer Bauernkomödie. Im Januar 1962 trafen sich mehrere ehemalige Turner unter ihrem alten Vereinsnamen zu einer Versammlung. Engelbert Mevissen, der Initiator dieses Treffens, wurde daraufhin laut Vorstandsbeschluss wegen vereinsschädigendem Verhaltens aus dem TSV ausgeschlossen. Der Ausschluss wurde zwar umgehend zurückgenommen, doch am 12.08.1962 ließen die Turner ihren alten Verein auch offiziell wieder aufleben.

Der TSV ignorierte dies und der Streit entzündete sich mal wieder an der Nutzung der Turnhalle. An einigen Abenden kam es an der Halle zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Fußballern und Turnern. Wechselseitig wurden dann die örtlichen Ordnungshüter gerufen, um die Wogen zu glätten. Natürlich war der Gesamtverein nicht mehr zu retten. Der TSV behielt seinen Namen und die Fußballer mussten tatenlos zusehen, wie die Turner den Verein verließen und sich unter ihrem Ex-Vorsitzenden Engelbert Mevissen neu formierten.

Die vergangenen vier Jahrzehnte

Nach der Trennung der Turner vom TSV im Jahre 1962 blieb der erhoffte Aufschwung des Turnvereins zunächst aus. Die Lage besserte sich erst ein wenig, als für die geplante Mittelpunktschule Boisheim 1968 eine neue Turnhalle errichtet wurde.

Das Kinderturnen kam wieder in Schwung, einige Turner spielten Faustball und kurz darauf entstand unter der Leitung von Josef Blome eine Tischtennisgruppe. Den großen Schub nach vorne brachte für den TVB Anfang der Siebziger Jahre die Wiederbelebung des Handballsports.

TVB Handball-Team 1974

TVB Handball-Team 1974

TVB Vorstand im Jubiläumsjahr 1974

TVB Vorstand im Jubiläumsjahr 1974

 

Einige junge Boisheimer fanden sich zu einer Männermannschaft zusammen, einige Damen gründeten ein Frauenteam. Unter Leitung des langjährigen Jugendwartes Walter Jansen entstanden einige Jugendmannschaften, aus denen viele jener Spielerinnen und Spieler hervorgingen, die einige Jahre später einen regelrechten Handballboom im kleinen Boisheim auslösten. Die Männer spielten einige Jahre eine gute Rolle in der höchsten Klasse des Kreises Grenzland, während die Frauen es unter ihrem Trainer Heiner Heithausen im Jahre 1981 bis in die Regionalliga schafften, wo sie sich sechs Jahre halten konnten.

Die Tischtennisabteilung unter Leitung von Herbert Fendrich nahm ebenfalls mit mehreren Herren- und Jugendteams erfolgreich am Spielbetrieb teil. Tischtennis und Handball prägten in den Achtziger Jahren das Bild des TVB, während es im Turnbereich sehr mager aussah.

Kurzzeitig hatte es unter der Führung von Oberturnwart Heinrich Kockelkoren zwar eine Trampolingruppe gegeben, aber die einzige Kontinuität im Turnen des TVB war eine Frauengruppe, bei der seit 1978 Anneliese Tissen als Übungsleiterin fungierte.

Als Ende der Achtziger Jahre Petra van Kessel mit einigen Gleichgesinnten in Eigeninitiative eine Mutter-Kind-Turngruppe initiierte, gab es fast die keine Jugendarbeit mehr im Verein. Mit ihrer Wahl zur Jugendleiterin begann eine weitere sehr erfolgreiche Phase der Vereinsgeschichte. Binnen kurzer Zeit gab es wieder mehrere Kinder- und Mutterkind-Turngruppen, es entstand eine zweite Frauensportgruppe und einige Väter und Mütter der Turnkinder begannen in einer Breitensportgruppe mit dem Volleyballspiel. Wenig später hatte der TVB hier eine neue Abteilung mit einem Männer- und einem Damenteam.

Aus einigen älteren Turnmädchen formte Petra im Jahre 1991 nach sieben Jahren Pause auch wieder ein erstes Handballjugendteam. Zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es bei den Handballern des TVB sechs Jugendteams, die von ehemaligen oder nun wieder aktiv werdenden Handballerinnen und Handballern trainiert und betreut wurden. Kreismeisterschaften für die F-Jugend im Jahre 1994 und für die B-Jugend im Jahre 2002 waren die größten Erfolge.

Die neue Führungscrew des TVB unter dem seit 1987 fungierenden Vorsitzenden Werner van Kessel entwickelte viele neue Ideen, um dem Anspruch, „ein Verein für die ganze Familie“ zu sein, gerecht zu werden. Spielfeste, Familienfahrten, Weihnachtsfeiern, Gruppen- und Mannschaftsfahrten gehörten zum festen jährlichen Programm des Vereins. Miniplaybackshows und Motto-Fèten im Haus Kapharnaum sind sicherlich noch vielen Dörflern präsent. Gemeinsam mit anderen örtlichen Sportvereinen wurde einige Jahre lang auch ein Oktoberfest mit Showprogramm im Schulfoyer organisiert.

Aus mannigfaltigen Gründen, die in vielen TurBo-Ausgaben schon angesprochen wurden, ist es in den letzten Jahren im TVB ein wenig ruhiger geworden. Die Seniorenteams aller Abteilun-gen haben sich auf ihrem jeweiligen Niveau konsolidiert, in der Jugendarbeit gibt es beim TVB wie in vielen anderen Sportvereinen einige Probleme.

Mutter-Kind-Turngruppe im Januar 2005

Mutter-Kind-Turngruppe im Januar 2005

 

Im Mutterkindturnen ist der Verein im Augenblick eine Macht. Aus der Nachbarschaft kommen viele Mütter (und Väter) mit ihren Kindern nach Boisheim, um unter der fachlich kompetenten Anleitung unserer Übungsleiterinnen ihren „lieben Kleinen“ erste Körper- und Bewegungserfahrungen zu vermitteln. Leider bleiben diese Kinder (samt Eltern) dem Verein meist nur bis zum Übergang in die KiTa erhalten. Dann wechseln sie oft zu Turn- oder Sportgruppen der Vereine ihrer jeweiligen Wohngemeinden.

(wird weiter aktualisiert)